Alle Augen auf den Antihelden

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Nach dem Ende der Film-noir-Ära, in der Protagonisten wie Philip Marlowe das Geschehen bestimmten, führte der Antiheld über Jahrzehnte hinweg ein Schattendasein. „Echte“ Helden, die aus reinem Gewissen handelten, stets mutig, clever und sympathisch waren, bestimmten Fernsehen und Leinwand aber über weite Strecken auch die Literatur.

Doch gerade in TV-Serien hat sich das Augenmerk in den letzten Jahren wieder auf den Antihelden gerichtet.

Antiheld Bild
von JD Hancock

Charakterzüge des Antihelden

Der Antiheld ist eine der schwierigsten Figuren, die man als Autor nur schreiben, obwohl er sich im Grunde recht einfach definieren lässt: Während ein klassischer Held sich in der Regel freiwillig in das Abenteuer stürzt, dabei aus altruistischen Motiven handelt, nicht selten Opfer bringt und grundsätzlich eine fast durch und durch sympathische Figur ist, fehlen dem Antihelden meistens mehrere dieser Merkmale. Mal ist er feige, mal verfolgt er eigene, niedere Ziele, mal benutzt er unsaubere Methoden, um eben jene Ziele zu erreichen.

Die vermutlich bekanntesten und besten Antihelden unserer Tage sind Tony Soprano aus Die Sopranos sowie Walter White aus Breaking Bad, aber auch einen Captain Jack Sparrow aus Fluch der Karibik kann man zu den Antihelden zählen.

Schwierig, aber interessant

Der Antiheld ist aus gleich mehrerlei Gründen häufig interessanter als ein klassischer Held: Antihelden wirken häufig realistischer, da sie zwar aus niederen Motiven handeln mögen, was sie in unserer Zeit jedoch glaubhafter wirken lässt als noble Helden, die eher an Weiße Ritter erinnern.

Darüber hinaus plagen sie in der Regel persönliche Probleme und eine dunkle Vergangenheit, die es zu erkunden gilt, außerdem wird der Zuschauer oder Leser stärker gefordert, das Geschehen zu hinterfragen: Wie würde ich in dieser Situation handeln? Und kann ich mit jemandem sympathisieren, mich mit jemandem identifizieren, der möglicherweise sogar mordet und andere Menschen hintergeht, um seine Ziele zu erreichen?

Darin liegt jedoch auch die große Kunst beziehungsweise Schwierigkeit beim Schreiben von Antihelden: Der Grad zwischen einer realistischen Figur mit Charakterschwächen oder niederen Motiven und einem unsympathischen Ekel, dessen Motivationen sich nicht nachvollziehen lassen, ist sehr schmal – und es ist ein Leichtes, den Leser oder Zuschauer vor den Kopf zu stoßen.

Das dürfte auch der Grund sein, warum der Antiheld derzeit in TV-Serien am präsentesten ist, denn nur hier kann die Figur in aller Ruhe mit all ihren Facetten gezeigt und ihre Verwandlung dargestellt werden. In 90 bis 120 Minuten langen Filmen ist das weitaus schwieriger und auch in Büchern bleibt nicht immer die Zeit, den Antihelden ausreichend auszuarbeiten – höchstens über eine komplette Romanreihe hinweg.

Wenn Sie selbst einen Antihelden als Protagonisten verwenden wollen, ist es elementar, ihn – wie auch jeden Antagonisten – als wirklich dreidimensionalen Charakter darzustellen, der nicht nur schlechte Seiten hat und dessen Motivation oder Hintergrund nachvollziehbar ist. Ein Walter White beispielsweise ist einer der „schlechtesten“ Menschen, die je geschrieben wurden, doch zumindest seine anfängliche Motivation, seine Familie nach seinem Tod unterstützen zu wollen, ist verständlich.

Ein kleines Hindernis bleibt: Im deutschen Fernsehen gelten Antihelden alles andere als beliebt, wie man an den zahlreichen aktuellen TV-Produktionen unschwer ablesen kann. Bei Drehbüchern ist daher Vorsicht mit dieser Figuren angeraten, in Romanen hingegen spricht nichts dagegen, einen Antihelden zu erschaffen.

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