Figuren, die mit sich selbst beschäftigt sind

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Einer der größten Fehler, die man als Autor machen kann, ist es, Figuren zu schreiben, die nur für den Helden zu existieren scheinen, alles sofort tun, was er ihnen sagt, und dabei Eigenleben führen. Die Geschichte an sich dreht sich oft genug schon allein um den Helden, daher sollte man nicht den Eindruck erwecken, dass die Welt, in der er lebt, es auch tut.

Um diese Gefühl zu vermeiden und Figuren an sich lebendiger wirken zu lassen, ist es fast immer sinnvoll, ihnen eine kleine Aufgabe, ein Ziel oder eine Beschäftigung mit auf den Weg zu geben – und besonders schön ist die Beschäftigung mit sich selbst.

selektive wahrnehmung Foto
„Selektive Wahrnehmung“ von sacks08

All the world’s a stage

Das ist nicht einmal etwas, das man nicht auch in der Realität finden würde: Fast jeder Mensch ist in erster Linie mit sich selbst beschäftigt, ob er es will oder nicht. Jeder sieht die Welt, logischerweise, aus seiner eigenen Perspektive, unter seinen eigenen Gesichtspunkten und setzt fast immer ganz unbewusst in seiner Wahrnehmung unterschiedliche Prioritäten.

Wenn Sie beispielsweise ein Kind erwarten, scheinen Sie auf einmal überall schwangere Frauen und Kinderwagen zu sehen, wenn Sie sich ein neues Auto kaufen, fällt Ihnen das Modell plötzlich überall auf – all das fällt unter den Begriff der selektiven Wahrnehmung. Und mit der selektiven Wahrnehmung geht auch einher, dass wir manches (oder besser: vieles) aus unserer Wahrnehmung unbewusst ausklammern, weil unser Gehirn der ständigen Reizüberflutung sonst gar nicht Herr werden könnte.

And all the men and women merely players

Konkret bedeutet das beim Schreiben von Bücher und Drehbüchern, dass sich eben nicht die Augen aller Nebenfiguren sofort bei dessen Auftreten auf den Protagonisten richten sollten, ihm umgehend lauschen und seinen Anweisungen folgen sollten, im Gegenteil!

Vielleicht hatte ein Charakter, Typ Hypochonder, eben einen unangenehmen Arzttermin und bemitleidet sich und seine eingebildeten Schmerzen gerade selbst. Vielleicht braucht der Protagonist dringend etwas von ihm, aber sein Gegenüber hört ihm gar nicht zu, sondern klagt sein eigenes Leid. Vielleicht taucht mitten im Gespräch auch noch seine Freundin auf und wirft ihm vor, sie nicht von der Arbeit abgeholt zu haben, woraufhin zwischen ihnen ein Streit entbrennt, so dass sie den Protagonisten überhaupt nicht mehr wahrnehmen.

Vielleicht hat ein anderer Nebencharakter wahnsinnig Hunger und kann nur ans Essen denken, ein anderer ist sich seines neuen Haarschnitts unsicher und blickt ständig in den Spiegel, wieder ein anderer, glaubt sich beim Essen vollgekleckert zu haben und sucht verzweifelt den vermeintlichen Fleck auf seinem Hemd – und, und, und.

Es gibt viele Möglichkeiten und natürlich sollte nicht jede Figur, auf die Ihr Held trifft, eine kleine Neurose haben – aber es ist eine Möglichkeit, um dem Helden ein paar Hindernisse in den Weg zu stellen und zu zeigen, dass sich die Welt eben nicht nur um ihn dreht. Und es kann ein sehr lustiges Stilmittel sein, um zu zeigen, wie wichtig uns unsere eigenen, oft belanglosen Probleme mitunter vorkommen.

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