Visuelles Denken: Voraussetzung für ein Drehbuch?

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Wenn ich visuelles Denken höre, muss ich immer wieder an mein zweites Drehbuch zurückdenken, das ich an einen Produzenten verkaufen konnte. Nach einer nahezu „Entwicklungsphase“ holte der Produzent einen Regisseur dazu, der das Drehbuch las und anschließend sagte, es sei ihm nicht „visuell genug“. Das war das erste und letzte Mal, dass ich von ihm hörte.

Lesen Sie hier, was „visuell“ im Zusammenhang mit Drehbüchern bedeutet und inwieweit Sie das als Autor überhaupt beschäftigen sollte!

Visuelles Denken Bild
Quelle: flickr / jonny goldstein

Visuell schreiben?

Um auf meine kleine Anekdote zurückzukommen: Zunächst einmal war ich ein wenig irritiert, ist es inzwischen doch mehr als unüblich, Details wie Kamerafahrten und Perspektiven im Drehbuch aufzuschreiben, nicht einmal das alte „SCHNITT ZU:“ wird heute noch gebraucht – und all das ist auch gut so, denn das ist Sache von Regisseur und Kameramann, aber nicht die des Drehbuchautors.

Wie sich bei meinem Regisseur herausstellte, hatte er das Gefühl, in dem Drehbuch nicht ausreichend „Bilder“ sehen zu können, die Handlung sei zu nüchtern geschrieben, was ich seinerzeit recht interessant fand, ist kurzes, knackiges und vor allen nicht blumiges Erzählen in Drehbüchern doch in der Regel erwünscht.

Rückblickend jedoch hatte er nicht ganz Unrecht, auch wenn es letzten Endes in erster Linie seine eigene Faulheit war, sich nicht die Bilder selbst suchen zu wollen, die ich tatsächlich hätte schreiben können.

Visuell schreiben Bild
Quelle: flickr / Lorenzo Tlacaelel

Drehbücher „spannend“ schreiben

Denn das eigentlich Problem war nicht, dass die Geschichte und die einzelnen Szenen nicht genügend Material für einen visuellen Film hergegeben hätten, das Problem war, dass das Drehbuch die Geschichte nicht ganz so gut verkaufte, wie es hätte sein können.

Denn das Problem von Drehbüchern ist, dass sie eigentlich nicht zum Lesen gedacht sind; ihr Ziel ist es nur, einen Film auf die Leinwand zu bringen – nicht mehr und nicht weniger. Doch gleichzeitig müssen Sie versuchen, dem Leser klar zu machen, warum Ihr Film oder auch nur eine einzelne Szene spannend ist und das ist mit ganz nüchternen Szenenbeschreibungen nicht immer möglich.

Um ein konkretes, fiktives Beispiel zu bringen, hätte ich damals etwa geschrieben:

[scrippet]“Christian lukt vorsichtig um die Ecke und sieht den Mann mit der Pistole. Der Mann dreht sich um und Christian zieht seinen Kopf schnell wieder zurück, unbemerkt geblieben. Schritte sind zu hören – doch sie entfernen sich. Christian atmet erleichtert auf.“[/scrippet]

Das ist durchaus visuell, aber es fehlt vielleicht ein wenig die Spannung beim Lesen. Eine Alternative dazu wäre:

[scrippet]“Christian erreicht die Ecke des Flures, hält inne: Wagt er es, einen Blick zu riskieren? Vorsichtig lukt er um die Ecke herum…

… und sieht etwas schwarz Schimmerndes: die Pistole…

… in der Hand ihres Besitzers. Der dreht sich instinktiv um. Christian huscht schnell wieder zurück: Hat er ihn gesehen?

Plötzlich: Schritte!

Christian presst die Lippen aufeinander: Nähern sie sich ihm oder entfernen sie sich?“[/scrippet]

Es ist die gleiche Szene und doch erzeugt sie auf dem Papier einen Tick mehr Spannung im Kopf des Lesers und einen Hauch mehr Bilder, nimmt zugleich aber auch deutlich mehr Platz ein. Das ist nicht immer sinnvoll, kann im bestimmten Momenten aber ein probates Mittel sein, um die innere Spannung der Geschichte zu erhöhen.

Natürlich funktioniert das Ganze auch außerhalb des Thriller-Genres; in einer Comedy beispielsweise würden Sie in erster Linie an Tempo, Timing und Übergängen basteln, vielleicht auch ein, zwei Gags für den Leser in die Szenen-Beschreibungen einbauen.

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