Das Überraschungsmoment

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Man sollte meinen, nach zig tausend Filmen und Millionen Büchern sei jede Geschichte erzählt, und tatsächlich erleben wir immer häufiger ein Gefühl des „Schon mal gesehen“, wenn wir im Kino oder vor dem Fernseher sitzen – während wir als Kinder noch von jeder Wendung überrascht waren, ahnen wir als Erwachsene längst, wohin die Reise geht. Und das nicht nur, weil nahezu jeder Hollywood-Film mit einem Happy End daher kommt.

Dennoch oder wahrscheinlich eher gerade deshalb ist es so wichtig, als Schriftsteller beim kreativen Schreiben überraschen zu können, denn noch vor den potentiellen Lesern und Zuschauern müssen Sie zunächst einmal die Lektoren in den Verlagen und Produktionsfirmen von Ihrem Werk überzeugen.

Und was zeichnet diese Lektoren aus? Genau: Dass sie jedes Jahr tausend Bücher und Drehbücher lesen und sich von fast nichts mehr überraschen lassen.

Überraschung Drehbuch Bild
Quelle: http://www.flickr.com/photos/illuminated_photography/

Überraschungen machen neugierig

Wenn es Ihnen also gelingt, sagen wir, den Lektor in einer Produktionsfirma auf den, nun, sagen wir ersten zwanzig Seiten Ihres Drehbuchs aber mal so richtig zu überraschen – was glauben Sie, wie sich das auf Ihre Chancen auswirkt, einen Rückruf zu erhalten? Die Antwort auf diese Frage ist offensichtlich.

Es gibt beim kreativen Schreiben fast nichts nichts stärkeres als die Überraschung: Eine wirklich unerwartete aber doch sinnige Wendung im richtigen Moment ist schon die halbe Miete. Wenn es um’s Verkaufen eines Buchs oder Drehbuchs geht, darf diese Wendung aber natürlich nicht erst auf Seite 60 erfolgen, vor der sich jeder Lektor längst ausgeklinkt hat.

Auf der anderen Seite ist es aber ein relativ Leichtes, gerade am Anfang zu überraschen, wenn Ihre Leser die Figuren und ihre Geschichte noch nicht so recht kennen und verstehen. Wenn Sie auf den ersten fünf Seiten einen vermeintlichen Hauptcharakter einführen, der dann plötzlich entweder umgebracht wird oder aber sich als Bösewicht herausstellt, ist die Überraschung da. Oder aber Sie führen eine Figur in einem vermeintlichen Flashback ein und zeigen Sie dann in der vermeintlichen Gegenwart, nur um eine ganz andere Verbindung zwischen den beiden herzustellen.

Es lohnt sich, zu Gunsten von Überraschungen im ersten Akt ein wenig mit der Erwartungshaltung des Lesers und damit auch mit Klischees zu spielen und diese sich selbst zunutze zu machen. Wenn der Lektor nach den ersten zwei Seiten aufgrund der Klischees mit den Augen rollt, auf Seite drei dann aber plötzlich erkennen muss, dass er die Situation völlig falsch eingeschätzt hat, haben Sie ihn am Haken!

Natürlich birgt das Risiken: Der Lektor könnte schon auf Seite zwei mit dem Lesen aufhören. Oder aber er könnte den vermeintlichen Protagonisten wirklich mögen, der da auf Seite fünf plötzlich umgebracht wird. Aber zum kreativen Schreiben gehören Risiken und es ist besser, Sie fallen „negativ“ auf als überhaupt nicht.

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