Der unzuverlässige Erzähler

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Der unzuverlässige Erzähler ist in unserem Artikel über die Erzählperspektive schon einmal kurz angesprochen worden, verdient aber weitaus mehr Beachtung, stellt er doch eine interessante Möglichkeit für den Autor dar, überraschende Wendungen zu erzählen und den Leser auf dem Weg zum Ziel immer mal wieder ein wenig an der Nase herumzuführen.

Doch will der Leser das überhaupt? Und wie und wann setzt man den unzuverlässigen Erzähler in Verbindung mit welcher Erzählperspektive sinnvoll ein?

Hier ein paar Überlegungen dazu!

Der unzuverlässige Erzähler Bild
Quelle: von Marc Aubin2009 / flickr

Absicht oder nicht?

Der unzuverlässige Erzähler ist, wie der Name ja schon verrät, ein Typ von Erzähler, der dem Leser nicht immer die Wahrheit sagt, ihm entweder wichtige Informationen vorenthält oder ihm schlichtweg falsche Informationen an die Hand gibt.

Die erste Frage, die sich in diesem Zusammenhang stellt, ist: Tut er das bewusst, mit Absicht, oder tut er es unbewusst, ohne sich selbst darüber im Klaren zu sein?

Insbesondere bei Geschichten, die in der Ich-Perspektive geschrieben werden, ergibt sich Letzteres beinahe von alleine, denn wenn der Leser die Story immer nur aus Sicht der ersten Person sieht, sind Fehlinterpretationen und Missverständnisse kaum zu vermeiden – schließlich weiß auch der cleverste Held nicht, was genau sich etwa im Kopf des Antagonisten abspielt.

Allerdings kann er auch bewusst die Unwahrheit sagen, wenn er sich beispielsweise selbst besser darstellen will, als er tatsächlich ist: „Ich lüge nie, um jemandem zu schaden“, könnte zum Beispiel etwas sein, das jeder gerne von sich behauptet, aber nicht immer der Wahrheit entsprechen muss.

Zugleich ermöglicht der unzuverlässige Erzähler in der Ich-Perspektive überraschende Wendungen, wenn sich jemand, für den er stets die Hand ins Feuer gelegt hat, als Verräter herausstellt und ein vermeintlich grundehrlicher Freund sich als größter Lügner erweist. In diesen Fällen wusste er selbst es schlichtweg nicht besser und es verrät uns zugleich etwas über seinen Charakter; vielleicht ist das zu große Vertrauen in sein Umfeld die große Schwäche dieses Erzählers, dieser Figur.

Bewusst unzuverlässig

Schwierig wird es, wenn man eine Geschichte aus der dritten Person erzählt und ständig darüber entscheiden muss, wie viele und welche Informationen man dem Leser an die Hand geben und welche man ihm vorenthalten will.

Ein allwissender Erzähler etwa, der zwar in jeden Charakter hineinblicken kann, dann aber dem Leser verheimlicht, dass der beste Freund des Protagonisten ein Verräter ist, stößt üblicherweise auf Ablehnung, weil der Leser sich in diesem Fall bewusst getäuscht fühlt.

Diese bewusste Täuschung kann gewollt sein, etwa wenn sie Teil der Botschaft des Buches ist oder der Erzähler grundsätzlich einen sarkastischen bis zynischen Tonfall gegenüber dem Leser anschlägt, in den meisten Fällen wirkt ein in dieser Form unzuverlässiger Erzähler jedoch unbeholfen, wie Betrug, wie ein Kampf mit unfairen Mitteln.

Schreiben Sie hingegen in der limitierten dritten Person, also mit einem Erzähler, der sich auf die Sicht einer Figur oder einer Figurengruppe beschränkt, dann gelten ähnliche Regeln wie bei dem Ich-Erzähler. Zugleich sollten Sie sich aber jederzeit die Frage stellen, was Sie gewinnen und was Sie verlieren können, wenn Sie dem Leser diese oder jene Information vorenthalten!

Tun Sie es, um Spannung zu erzeugen oder einen guten Gag aufzubauen? Das sind durchaus legitime Gründe. Geht es Ihnen hingegen allein darum, den Leser zu verwirren oder ihm einen „großen Twist“ vor die Nase klatschen zu wollen, kann der unzuverlässige Erzähler auf Ablehnung stoßen, denn man darf eines nicht vergessen: Der Leser möchte beim Lesen in der Regel selbst Dinge herausfinden!

Er will in Krimis den Täter schon vorab auf eigene Faust ermitteln, in Thrillern und Liebesgeschichten das Ende erahnen und vor seinem geistigen Auge für sich selbst schreiben. Geben Sie ihm überhaupt keine echten Informationen dafür an die Hand, kann er sich ausgeschlossen oder gar betrogen fühlen.

Wägen Sie auch bei einem unzuverlässigen Erzähler daher immer gut ab, ob der Leser nicht zumindest das ein oder andere Detail in Form von kleinen, offenen Andeutungen erhalten sollte, um zumindest im Nachhinein das Gefühl zu haben, dass er theoretisch auf die Wahrheit hätte kommen können, wenn er einen Tick besser aufgepasst hätte!

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