Die Rückwärtsmethode

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Es gibt nur wenig, das beim Schreiben von Büchern und Drehbüchern so wichtig ist, wie den Leser zu überraschen und gleichzeitig die Logik der Geschichte, ihre Stimmigkeit, beizubehalten. Als Leser sehen wir uns nach plötzlichen Wendungen, die aus dem Nichts zu kommen scheinen, die Story in eine vollkommen andere Richtung lenken und rückblickend doch nachvollziehbar, logisch und zu einem gewissen Grade sogar etabliert sind.

Ausgerechnet diese Überraschungen fallen vielen Autoren jedoch schwer, weil sie in Mustern denken, die Überraschungen kaum zulassen. Doch es geht auch anders: mit meiner Rückwärtsmethode.

Rückwärts schreiben Bild
von Monica Arellano-Ongpin

Die Kausalkette

Der übliche, altbekannte Ablauf beim Schreiben ist in etwa folgender: Sie lassen als Autor Charakter X eine Handlung Y ausführen und überlegen dann, wie es am besten weitergehen könnte. Logisch bieten sich die Möglichkeiten A, B und C an, wovon Sie nach kurzer Überlegung C auswählen, weil A und B zu naheliegend sind. Aus Handlung C ergeben sich wiederum zwei, drei neue Möglichkeiten, die Folge und Konsequenz der vorherigen Handlungen und Entscheidungen sind, bis sich letzten Endes aus ihnen eine komplette, nachvollziehbare Geschichte ergibt.

Diese Vorgehensweise birgt den großen Vorteil, dass aus ihr nahezu zwingend eine logische Geschichte entsteht, denn wenn eine Handlung immer auf einer andere Handlung basiert und auf sie folgt, entsteht eine klassische Kausalkette, die nur wenige Lücken zulässt.

Zugleich bewirkt diese sehr lineare Denkweise jedoch in vielen Fällen, dass die Geschichte von vorne bis hinten den Erwartungen der Leser entspricht, die sich in dem jeweiligen Genre natürlich auskennen und mit Lösung A bis C nicht überrascht werden können, weil sie diese bereits dutzende Male gesehen haben.

Um den Leser zu überraschen, bräuchte es noch die Möglichkeiten D, E und F, welche mit der klassischen Denkstruktur aber nur schwer zu erreichen sind, weil die linearen, kausalen Zusammenhänge oft dafür sorgen, dass uns selbst nach intensivem Brainstorming nur die naheliegenden und somit offensichtlichen Antworten einfallen, weil wir es nicht wagen, es nicht gewohnt sind, darüber hinaus zu denken.

Und genau dem kann die Rückwärtsmethode entgegenwirken!

Die Rückwärtsmethode Bild
von Khairil Zhafri

Wie Sie rückwärts schreiben

Die Rückwärtsmethode schert sich zunächst nicht um die Logik und sie interessiert sich auch nicht für lineare, temporale und kausale Zusammenhänge, im Gegenteil: Mit der Rückwärtsmethode picken Sie sich einen x-beliebigen Moment Ihrer Geschichte heraus und gestalten ihn so ungewöhnlich und interessant wie nur möglich.

Vielleicht ist es eine Hochzeitsfeier auf dem Mond oder ein Heiratsantrag auf einer Beerdigung, vielleicht ist es aber auch ganz einfach nur eine verdammt bedrohliche Situation, in der sich Ihr Held befindet, aus der es keinen Ausweg zu geben scheint. Eine Situation, die so komplex, so kompliziert, so druckvoll ist, dass Sie auf einem linearen Wege vermutlich nie zu ihr gekommen wären.

Und nun fragen Sie sich, was passiert sein könnte beziehungsweise was passiert sein muss, damit Ihr Held in diese Situation geraten und es zu diesen Umständen gekommen ist! Welche Gründe könnte es dafür geben, welche Charakterzüge und welchen Hintergrund müssen Ihre Figuren haben, was ist ihre Motivation und wie zur Hölle kommen sie da raus?

Rückwärts zu arbeiten, ist für viele erfahrene Autoren nichts Ungewöhnliches, denn viele potentielle Zusammenhänge erschließen sich erst mit dem zweiten oder dritten Entwurf einer Geschichte. Anfänger aber machen häufig den Fehler, Ihr Buch oder Drehbuch linear von vorne bis hinten durchplanen zu wollen und eine Handlung logisch auf die nächste folgen zu lassen, was den Einfallsreichtum jedoch bremst – die Rückwärtsmethode wirkt dem entgegen.

Einsatz der Rückwärtsmethode

Die Rückwärtsmethode lässt sich in nahezu allen Phasen des Schreibens anwenden. Vielleicht schwebt Ihnen noch vor der Prämisse als allererste Idee ein unglaublich witziger oder spannender Moment vor, auf den Sie rückwärts zuarbeiten können, um somit eine komplette Geschichte basierend auf diesem einen Moment zu erschaffen.

Vielleicht braucht Ihr Held aber auch nur im Finale Ihrer Story eine besondere Fähigkeit oder ein äußerst spezielles Wissen, das Sie ihm mit auf den Weg geben können, indem Sie sich fragen, was zuvor passiert sein muss – und diesen Moment in den Anfang oder Mittelteil der Geschichte einbauen.

Genauso können Sie die Rückwärtsmethode aber auch einsetzen, um Lücken zu schließen. Die Autoren der TV-Serie Weeds beispielsweise schrieben Ihre Figuren zum Ende einer jeden Staffel stets in eine Ecke, ohne sich vorher zu überlegen, wie Sie aus dieser Ecke später wieder herausfinden würden. Sie wussten lediglich, wo sich die Figuren in der nächsten Staffel befinden sollten. Diese Lücke überbrückten Sie dann, indem Sie rückwärts von dem neuen Status auf den Moment in der Ecke zuarbeiteten.

Selbstverständlich ist die Rückwärtsmethode nicht Voraussetzung für kreatives Schreiben; in vielen Fällen ist das lineare, kausale Denken durchaus effektiv und zu viele Überraschungen können sogar den Leser vor den Kopf stoßen. Doch immer, wenn Sie selbst merken, dass Sie zu sehr in Klischees denken, dass fast alles so abläuft, wie Sie es schon in unzähligen Büchern gelesen und in zig Filmen gesehen haben, kann es sinnvoll sein, den Weg zunächst aus den Augen zu verlieren und die Gedanken auf ein einfallsreiches Ziel zu fokussieren – um dann rückwärts darauf hin zu arbeiten.

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