Die Wahl der Erzählperspektive

Anzeige
Manchmal sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht, denn wie ich gerade zu meinem Erschrecken feststellen musste, klaffte eine gewaltige Lücke in unseren Tipps und Infos rund um’s Buch schreiben: die der Erzählperspektive. Dabei ist die Wahl der besten und spannendsten Erzählperspektive eine ganz elementare auf dem Weg zum eigenen Buch und sogar einer der ersten Schritte dorthin.

Deshalb hier und jetzt endlich unser Artikel über die Erzählperspektive und alles, was dazu gehört!

Erzählperspektive Bild
von Simon Daniel Photography

Die drei wichtigsten Erzählperspektiven

Grundsätzlich trifft man in Romanen auf nur drei verschiedenen Erzählperspektiven. Die klassische, am häufigsten gebrauchte ist die der allwissenden dritten Person, die eines imaginären und unabhängigen Erzählers also. Er gibt die Geschichte so wieder, wie sie tatsächlich war, kann in jeden Charakter hineinblicken, dabei dessen Emotionen und Intentionen wiedergeben – und weil er oft in der Vergangenheit erzählt, weiß er bereits zu Beginn wie die Geschichte ausgeht, kann Andeutungen machen, ohne dass sie aber zwangsläufig als Andeutungen erkennbar wären.

Der allwissende Erzähler ist die bekannteste Erzählperspektive, vielleicht aber auch die langweiligste, weil sie so oft eingesetzt wurde und relativ wenig Spielraum für Überraschungen bietet. Deshalb hat sich in der jüngeren Vergangenheit eine andere, flexiblere Erzählperspektive zunehmend durchgesetzt: die der nicht-allwissenden dritten Person.

Die nicht-allwissende dritte Person erzählt die Geschichte in der Regel aus der Sicht des Helden (und seiner etwaigen Mitstreiter), hat also nur ein limitiertes Blickfeld und kann beispielsweise weder in die Köpfe der Gegenspieler hineinblicken noch deren Handlungen sehen.

Das ermöglicht es, überraschende Wendungen geschickter zu etablieren und zu verkaufen, ohne dass der Leser sich hinter’s Licht geführt fühlt wie es bei einem allwissenden Erzähler leicht passieren kann. Denn der nicht-allwissende Erzähler weiß (in diesem Beispiel) nur das, was der Protagonist und seine Begleiter wissen; er ist somit auch ein unzuverlässiger Erzähler, der nicht zwangsläufig die volle Realität wiedergeben muss.

Noch einen Schritt darüber hinaus geht die ebenso klassische und recht verbreitete Erzählperspektive der ersten Person, in der Sie die Geschichte nur aus den Augen Ihres Helden schreiben, was uns ihm wesentlich näher bringt, aber in einem noch stärker limitierten Blickfeld resultiert.

Einen Roman aus der Sicht mehrerer erster Personen zu schreiben, ist zwar möglich, aber äußerst unüblich, weshalb hierbei in der Regel ein einzelner Protagonist sehr stark in den Vordergrund rückt – mit all seinen Stärken und Schwächen, Gedanken und Emotionen.

Und welche ist die beste?

Eine schwierige Frage, denn natürlich gibt es keine beste Erzählperspektive im Allgemeinen, nur eine „passendste“ für Ihre Geschichte.

Zu einem gewissen Grade ist die Wahl der Erzählperspektive außerdem eine Stilfrage, da manche Autoren sich einfach in der dritten Person wohler fühlen als in der ersten – oder umgekehrt. Spielt das keine Rolle, stellt sich in erster Linie die Frage nach der Funktion, der die Erzählperspektive dienen soll.

Ist ihre Geschichte voller überraschender Wendungen und Verrat? Dann ist es schwierig, sie aus Sicht des allwissenden Erzählers zu schreiben. Möchten Sie, dass der Leser dem Protagonisten sehr nah ist, sich komplett mit ihm identifiziert? Dann ist die erste Person oft die beste, um einen wirklichen Einblick in die Weltsicht und Denkweise der Hauptfigur zu haben.

Der allwissende Erzähler wiederum eignet sich, wenn sie bemüht sind, (auch fiktive) Ereignisse „objektiv“ wiedergeben zu wollen – oder aber, wenn der Erzähler bewusst und ganz offen mit den Erwartungen der Leser spielen und sie sehr bewusst hinter’s Licht führen soll.

Eine wirkliche Zuordnung von Erzählperspektive zu Genres gibt es kaum. Erwähnt sei lediglich, dass im Bereich der Jugend- und Young-Adult-Romane in den letzten Jahren die erste Person zunehmend an Bedeutung gewonnen hat, was naheliegt, geht es doch darum, dass sich die jugendlichen Leser in der Hauptfigur und ihren Problemen möglichst gut wiederfinden sollen.

Check Also

Warum Autoren scheitern Bild

Fünf Gründe, warum die meisten Autoren scheitern

Die Idee war großartig – eine Geschichte, wie sie noch nie zuvor erzählt wurde – ...

Ein Buch schreiben
* Erklärt Ihnen das Schreiben...
* ... von Büchern und Drehbüchern
* Was sind Charakter, Setting & Plot?
* Schritt für Schritt praxisnah erläutert
* Für Einsteiger & Fortgeschrittene